Vom letzten Jahresumschwung sowie von der
merkwürdigen Telekom-Auffassung eines ›einzigartigen Moments‹

Bild entnommen aus: »Images of the Human Body« (The Pepin Press / Agile Rabbit Editions, Amsterdam 2005)
In wenigen Tagen ist es soweit: Überfressen und ›voll drauf‹ von der allweihnachtlichen Überdosis Familie, schunkeln, sprudeln und knallen wir mal wieder in ein neues Jahr hinüber, ein neues Jahrzehnt diesmal sogar. Grund genug, sich des letzten Jahreswechsels zu erinnern und auch diese Erfahrungen hier mit euch zu teilen . . . Mein mediales Silvester-Erlebnis 2008/2009
Ich verbrachte meinen Jahreswechsel 2008/2009 in großfamiliärem Kreise und gruppenzwangsbedingt mit dem deutschen Privatfernsehen. So bekam ich die einmalige Gelegenheit zu einer nie da gewesenen, konspirativen Beleidigung von – ich will sagen: menschenverachtendem Ausmaß. Serviert wurde diese von der Telekom, in freundlicher Kooperation mit Sat.1
Die Jahreswende überspannend strahlte der Sender mal wieder eine neue (oder war es doch eine alte?) Absonderung der ›Hit-Giganten‹ aus. Das allein ist ja noch kein Verbrechen, aber eben auch kein Geniestreich langersehnten Ausmaßes. Also ist man vergnügt. In geselliger Runde . . . man will ja auf den letzten Abend des Jahres es sich nicht verscherzen mit den Liebsten. Immerhin – beschwichtige ich mich leicht verzweifelnd selbst – wird man so das einzig Wichtige an diesem Abend, den Jahreswechsel, sicher nicht verpassen! Zählen doch die Sender, allerspätestens die letzten zehn Sekunden des alten Jahres dann herunter. Tun sie doch, oder? So zumindest dachte, hoffte und erwartete ich.
Doch, ich durfte bitter lernen: Erwarte stets das Unerwartete.
Der Abend lief bisweilen gut. Wie gesagt: man ist vergnügt – teils zum Selbstschutz, teils dank höherer Prozente. Irgendwann, nein nicht wirklich irgendwann, sondern knapp vor dem Momente dann, kam die Werbung noch dazu. Spot on: Paul Potts ›singt‹. Wieder einmal.
Testemonials staunen.
Cut.
Testimonials schluchzen.
Cut.
Schwenk. Tränen. Taschentuch.
Cut.
Zeitlupe.
Cut.
Potts im Halbprofil. Potts’ Stimme überschlägt sich.
Cut.
›Hook-line‹: »Das Leben schenkt uns einzigartige Momente.« Da knallt es auch schon herrlich bunt. Ich blicke mich um. Alle Augen glotzen. Die Scheibe flimmert. Der Balkon leuchtet hilflos mit ihr um die Wette. ». . . einzigartige Momente. Schön, dass wir sie mit anderen teilen können. Erleben, was verbindet. www.telek . . .«
. . . ? . . .
Es war nur dieser eine Spot. Dann durften wir weiter das Programm bewundern. Und mussten uns gehörig wundern: Warum knallt’s denn da so auf den Straßen? Was ist das für ein Tohuwabohu? Ist denn schon Neujahr? Und erst ein Blick auf die Uhr offenbarte: Ja! – Auf den Straßen trafen sich die Menschen. Auf Sat.1 die Zurückgebliebenen. Toll. Wir waren also mit der herzensguten Telekom und mit Paul Potts (aber eben ohne Silvester-Countdown) in das neue Jahr hinein geleiert. Oh, wie schön. Ob denn ihnen selbst diese Ironie wenigstens bewusst war? ». . . einzigartige Momente. Schön, dass wir sie mit anderen teilen können. Erleben, was verbindet . . .«
Weg war er jedenfalls. Weg war ›unser‹ Jahreswechsel. Unwiederbringbar. Respektlos frech überstrahlt.
Einzigartig. Individuell. Perfekt im timing. Persönlich. Und doch im gefühlten Einklang mit der Welt. So hätte er werden können.
Als Erlebnis von Enteignung. Unbefriedigend. Verstörend. So blieb er mir im Kopf.
Vielen Dank liebe Telekom, vielen Dank Sat.1, vielen Dank für diesen ewigen Moment. Für den ersten und damit auf ewig unvergesslichen Jahresumschwung ›mit ohne‹ geteiltem Moment. Das lass’ ich mir eine Warnung sein. (Shame on you that you fooled us once! Shame on us if you fool us twice.) Don’t take TV on new years eve! Be with people. Don’t watch and celebrate. Just party. Don’t drink and drive.
In diesem Sinne also: Frohe Weihnachten und einen ›medienneutralen‹ Rutsch!
Karsten Rohrbeck
Wie ist es euch im letzten Jahr ergangen?
Welche Erwartungen habt ihr an den diesjährigen Jahreswechsel?



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