
Vor einigen Tagen bekam ich eine E-Mail vom Verlag Hermann Schmidt Mainz mit der Frage, ob ich das neu erschienene Buch „Retrodesign“ haben möchte und als Gegenleistung hier im ecolog darüber berichten würde. Natürlich habe ich da direkt zugesagt. Heute also kam das Buch an.
Die folgende Buchbesprechung widmet sich dem Buch in allen Facetten. Nicht nur dem Inhalt.
Der erste Eindruck

Das Erste was mir auffiel war der „GoGreen“ Aufkleber auf dem Paket. Diese Versandmethode der DHL kostet zwar ein paar Cent mehr, jedoch werden laut DHL die durch den Transport entstandenen CO2-Emissionen nach einem zertifizierten Verfahren berechnet und durch Klimaschutzprojekte ausgeglichen. Dies sind u.a. Solarenergieprojekte in Indien und Sri-Lanka usw.
Die Verpackung war darüber hinaus genau bemessen und nicht verschwenderisch im Umgang mit Papier und dem Platzbedarf im Transportwagen der Post.

Nach dem Öffnen fiel mir, neben dem eigentlichen Buch eine persönlich an mich gerichtete Postkarte in die Hände. Das schafft Nähe. Prima.
Das Buch selbst wurde in eine dünne Plastikfolie geschweisst, die sich relativ leicht entfernen ließ. Danach fiel mir leider ein etwas unangenehmer Geruch auf. Eigentlich mag ich den Geruch von Druckfarben, allerdings war hier wohl noch ein Kunstledergeruch des Einbands für den beißenden Beigeschmack ausschlaggebend.

Der Einband ist aus Kunstleder, der Buchschnitt ist schwarzem Tampondruck allseitig bedruckt. Auf der rechten Seite sind 18 Piktogramme in weiß abgebildet, die sich später in den Kapiteln des Buches wiederfinden lassen. Zur schwarzen Farbe auf dem Buchschnitt muss ich leider direkt Kritik anbringen. Die Farbe löst sich, sobald man mit dem Finger dagegen kommt – was nicht zu vermeiden ist. Dass dadurch der Daumen schwarz wurde merkt man spätestens dann, wenn man eine weiße Innenseite beim Umblättern vollgeschmiert hat. Das ist echt schade für solch einen Aufwand, der da offensichtlich betrieben wurde.
Inhalt

… 70er-Jahre-Tapete, Schlaghose, VW Beetle?
Retrodesign ist mehr. Es ist Adaption, Abstraktion, Assoziation, Interpretation und Kreation. Es ist ein Spiel, das nur virtuos gespielt überzeugt: Wenn das Stilbildende der Epochen destilliert und transferiert wird. Achim Böhmer und Sara Hausmann nehmen Sie mit auf eine analytische Zeitreise, sie schärfen Ihren Blick durch raffinierte und überraschende Gegenüberstellungen. Vor allem aber geben Sie Ihnen ein kraftvolles Stylelab an die Hand, ein Destillat der Stile, Farben, Muster, Zeichen, charakteristischen Schriften, Layouts, Objekte und Bauten – als Grundlage für Ihr Retrodesign!
Das Buch beginnt mit fünf Aufmachern zum Thema „Was ist Retrodesign“. Retrodesign sei demnach also Zukunft, Systematik, Styling, Provokation und Leidenschaft.
Nach einleitenden Worten der Autoren werden drei Hauptunterteilungen und die Navigation über das Iconsystem genauer erklärt, Jedes Icon steht für einen Stil und das Thema ist unterteilt in „Retro Design“, „Retro Style“ und „Retro Review“ – Dies sind Gegenüberstellungen, Charakteristikanalysen und Zeitimpulse die uns damit nähergebracht werden.
Die Zuordnung der Stile findet man im Inhaltsverzeichnis. Nach dem Retro Preview (der Definition von Retro Design) beginnt der eigentliche und sehr ausführliche Überblick zum Thema Retrodesign. Großflächige Bilder, gepaart mit aussagekräftigen Bildunterschriften bestimmen die Seiten. Bei der Schweizer Schule entdecke ich die wunderbar treffende Gegenüberstellung von einem Plakat für Olivetti aus den 1960er Jahren mit einer Imagebroschüre der Firma oerlikon aus dem Jahre 2007. Ich frage mich schnell was wann wohl besser war. Akzidenz Grotesk vs. Helvetica – Bold vs. Regular – 1960 vs. 2007. Schwer zu sagen, aber schön zu sehen. Mit solchen Gegenüberstellungen, die das Buch ausmachen, lernt man viel und gewinnt an Inspiration.

Die Retrostyle Charakteristik im letzten Drittel muss sich leider den Formatgrenzen des Buches anpassen. Dadurch sind die vielen Beispiele nur noch recht klein abgebildet. Da es hierbei aber um eine Beschreibung der Charakteristiken geht, habe ich dank der ausführlichen Texte dafür gerne Verständnis.
Am Schluss offeriert das Buch noch einen ausführlichen Zeitstrahl, der an dieser Stelle wirklich jedem Leser der Lektüre klarmachen sollte: Retrodesign „hat nicht irgendwann mal stattgefunden“ – Retrodesign „kommt immer wieder“. Diese Erkenntnis wühlt auf und beruhig mich zugleich. Ich stelle mir mit einem Augenzwinkern vor, dass man damit demnächst jedes Layout irgendwie begründen könnte…

Eine weitere inhaltliche Diskussion über das Thema Retrodesign möchte ich hier in der Buchbesprechung von meiner Seite aus nicht detailliert lostreten. Zudem gibt es schon viele andere Blogs die über den Inhalt diskutiert haben. Vielleicht aber in einigen Wochen, wenn ich das Buch und das Thema mehr verinnerlicht habe. Bestimmt wird Retrodesign auch im ecolog immer wieder Thema sein.
Grundsätzlich ist das Buch jedoch Pflichtlektüre für jeden, der sich inspirieren lassen will oder demnächst vielleicht ein Referat über eine Stilrichtung halten will.
Nachgeschmack
Grundsätzlich bin ich von dem Buch sehr angetan. Allerdings hätte ich noch ein paar Punkte auf der Enttäuschungsskala:
- Die Veredelung färbt ab.
Wie gesagt färbt die Tampondruckveredelung am Buchschnitt auf die Finger ab. Damit ist sie nicht nur überflüssig, sondern auch einfach fehl am Platz. Der hohe Preis ist dadurch unnötig hoch. Und wer hat schon gerne schwarze Flecken im Buch. Achja, und ich hab sie jetzt auch auf der ehemals weißen Tastatur!
- Das Buch riecht unangenehm.
Ich kann leider nicht sagen woher und wonach. Eventuell ist es die angesprochene Verarbeitung der Druckfarbe (über die ich keine Informationen finden konnte) und dem Kunsledereinband.
- Das Papier. Ein wichter Teil des Nachgeschmacks.
Das Impressum gibt eine Übersicht über die verwendeten Materialien aus denen das Buch gefertigt wurde. Gedruckt wurde es in der Universitätsdruckerei H. Schmidt Mainz auf Dacostern Papier (holzfrei, seidenmatt, Bilderdruck, 150g/m2). Das Papier ist hellweiß und quietscht. Aber es ist PEFC-Zertifiziert. PEFC ist neben FSC eine der größten Zertifizierungsmethoden für Wald und Bäume. Das “Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes” ist ein Waldzertifizierungssystem zur Sicherstellung und kontinuierlichen Verbesserung einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung unter Gewährleistung ökologischer, sozialer und ökonomischer Standards. So zumindest die Theorie. Das PEFC wurde von Vertretern der Forst- und Holzwirtschaft als Alternative zum FSC gegründet, da vielen Forstbetrieben der Kosten- und Bürokratieaufwand zu groß erschien. Aus Sorge um die Wirtschaftlichkeit der Betriebe wurde also ein eigenes Ökosiegel entworfen, dessen Vergabemethoden und die jährlichen stichprobenhaften Kontrollen keine glaubwürdige Zertifizierung darstellen. Pauschal werden Siegel einfach auf postalischem Weg zugestellt, ohne vorige Kontrolle – man beruft sich auf die Selbstkontrolle des Antragstellers oder ganze Bundesländer werden auf einen Schlag zertifiziert… Das klingt leider alles ein bisschen zu simpel. Von daher würde ich mir eine Verwendung von PEFC-Papier mit einer auf Nachhaltigkeit pochenden Begründung beim Hermann Schmidt Mainz Verlag in Zukunft nochmals genauer überlegen.
Fazit
Retrodesign Stylelab ist das Referenzobjekt zum Thema „Retrodesign“ – Einen ausführlicheren Überblick gibt es momentan nicht. Allerdings gibt es auch ein paar wenige, dennoch essentielle Punkte die mir noch nicht so gut gefallen und den positiven Gesamteindruck ein wenig trüben.
Schön ist, das der Verlag selbst schreibt:
„Die Abwärme, die beim Drucken dieses Buchs entstand, wurde konsequent zur Klimatisierung der Büroräume von Druckerei und Verlag genutzt. So können wir weitgehend auf fossile Brennstoffe verzichten – ein kleiner Beitrag zum besseren Klima…“
Zudem steht im Impressum das Zitat von Antoine de Saint-Exupéry:
„Die Zukunft sollte man nicht vorhersehen wollen, sondern möglich machen.“
Also: wir kaufen weiter gute Bücher beim Verlag Hermann Schmidt Mainz und der Verlag denkt noch mal über unsinnige Veredelungstechniken und öko-gerechte Papierwahl nach.
Die Zukunft sieht gut aus, den Daumen hoch!

Retrodesign Stylelab | Baukastensystem der Designcharakteristika | von Achim Böhmer und Sara Hausmann | 318 Seiten | 18 Designstile | 818 Abbildungen | Hardcover aus rotem Kunstleder mit Prägung und schwarzem Blattschnitt | Format 25,5 x 29 cm | Preis: 89,− €
Quellen:
- Retrodesign Stylelab
- Einfach Nachhaltig – DHL GoGreen
- Greenpeace Magazin – Zoff im Forst
- Grüne Jugend – FSC und PEFC – Rettet diese Zertifizierung unsere Wälder?
- Spiegel Online – Ökosiegel – Kritik an Gut-Holz-Richtlinie
Diskussionen
- Fontblog – Retrodesign: das Buch und ein erhellendes Gespräch
- Spatium Magazin – Retrodesign Stylelab
- HD SCHELLNACK – DAS BLOG
- Peter Unruh – Retrodesign – Rückblick in die Zukunft
- Reden ist Silber | Druckery Blog
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