Notizen zu Prof. Dr. Thomas Elsaessers Vortrag
›Die Tiefe des Raums oder der Angriff der Dinge‹

Am 17. 06. 09 gingen die ›Digitalen Lektionen‹ in ihre letzte Runde. Die vom Filmforum NRW in Kooperation mit der ifs, internationale filmschule Köln, veranstalteten ›Digitalen Lektionen‹, das waren: »Vorträge, Gespräche, Präsentationen und Filme zum digitalen Bild«. Seit Januar untersuchten hier Filmemacher, Medienwissenschaftler und Spiele-Entwickler mit den jeweiligen Gästen »den Einfluss der Digitalisierung auf Produktionsabläufe und auf die Erzählstruktur und formale Gestaltung von Filmen«.
Nach einer würdigenden Einführung durch Herrn Gundolf Freyermuth (ifs), sprach der namhafte Filmwissenschaftler Thomas Elsaesser über Geschichte und Zukunft des 3d-Films und gestand diesem durchaus das Potenzial zum quasi-Standard von morgen zu. So erhellend war sein historischer Blick, klar dabei seine Perspektive auf die ästhetischen Konsequenzen …Der 3d-Film hat Geschichte
Über den 3d-Film sprechen erfordert insofern eine historische Perspektive, als der Wunsch, die Welt als Bild in drei Dimensionen zu sehen, ja bereits älter ist, als die Fotografie und der Film als bildgebende Medien selbst (Stichwort Zentralperspektive der Renaissance-Malerei). Mit der mechanischen Reproduzierbarkeit im 19. Jahrhundert fand dieser Wunsch einen erneuten Aufschwung, in Form von Stereoskopien. Die Stereoskopie ist ein Verfahren zur raumhaften Abbildung mittels zweier Halbbilder, die für jedes Auge getrennt aufbereitet und dargestellt werden (ein Bild vor das rechte Auge, ein zweites vor das linke). Elsaesser betont, dass diese Art von Raumbildern zu der Zeit ein Massenmedium war, das sich als Spielzeug in nahezu jedem Haushalt fand (allein die Fa. Underwood & Underwood publ. hätte 100.000e solcher Steresokopien vertrieben, die nicht selten erotische Motive zeigten).
Auch die Brüder Lumière beschäftigten sich mit der Stereoskopie und später dann mit Perspektive und der illusorischen Dreidimensionalität im Film. Ihre Anstrengungen mündeten nicht zufällig in dem Kurzstreifen »Der Zug« (1895), dessen Abbildung einer Zugeinfahrt in einen Bahnhof Richtung Kamera derart realistisch auf die nur wenig medienkompetenten Kinogänger gewirkt haben soll, dass diese aufsprangen und vor der ›nahenden‹ Maschine flüchteten. Schnell erwarb sich Film den Titel als ›plastic art in motion‹ (Ricciotto Canudo).
»Der Zug« (1895):
Die erste dritte Krise des Kinos
Seine erste Hoch-Zeit erlebte der 3d-Film aber erst in den 1950er Jahren. Bis dahin hatte das Medium Film bereits zwei ›Krisen‹ hinter sich. Nämlich die Ablösung des Stummfilms durch den Tonfilm und die Ablösung des Schwarz-Weiß-Films durch den Farbfilm. Sollte also der 3d-Film nun den ›konventionellen‹ Film ablösen? Elsaesser weist darauf hin, dass Medienumbrüche (Revolutionen / Krisen) erfahrungsgemäß sich folgenden Faktoren ›verdanken‹ können: technische Entwicklungen erneuern den Produktionsrahmen; der Absatz bricht ein und nötigt zu Innovation; neue Medien kommen auf und konkurrieren mit dem bisherigen Platzhirsch. In den besagten 1950ern traf Letzteres auf das Medium Bewegtbild zu. Neben dem aufkommenden Fernsehen suchten Filmschaffende und Kinobetreiber nach einem Mehrwert für die Cinema-Goers. Das farbanaglyphe 3d-Verfahren, das auch eine besondere Wiedergabetechnik erfordert, die auch heute noch kein Fernsehgerät leistet, sollte der Gimmick sein, für den es sich lohnte ins Kino zu gehen, anstatt vor dem heimischen TV zu verbleiben. Sogar Alfred Hitchcocks »Dial ›M‹ for Murder« (1954) ist ursprünglich für eine 3d-Wiedergabe produziert worden. Weitere nennenswerte Beispiele seien gewesen: »Bwana Devil« (1952), »House of Wax« mit Vincent Price (1953) und »Creature from the Black Lagoon« (1954), der im Anschluss an Elsaessers Vortrag im Original gezeigt wurde und für den ein Remake für 2011 angekündigt ist. Ende der 1960er versprach 3d ›realistische Erfahrungen‹ im Soft-Erotikfilm, wie beispielsweise mit »The Stewardesses« (1969), der tatsächlich der bisher einträglichste aller 3d-Filme war und dieses Jahr als Deluxe Edition auf DVD veröffentlicht wurde.

Doppelposter zu den 3d-Filmen »Creature from the Black Lagoon« (1954) und »It came from Outer Space« (1953): »Filmed in 3rd Dimension«
Doch der 3d-Effekt war und ist bis dato eben nicht mehr als ein Gimmick. Der nachhaltige Erfolg blieb dem 3d-Film bisher verwehrt. Es ist ein nach wie vor teures Verfahren und die Möglichkeiten sind gleichsam sehr beschränkt. Wie auch Elsaesser bemerkt, kann man nicht neunzig Minuten Film allein damit füllen, dem Zuschauer Gegenstände entgegen springen zu lassen (wobei aktuelle Beispiele, wie die Neuauflage von »The Final Destination« in 3d, den Anspruch diesbezüglich nicht sonderlich hoch halten). Die Notwendigkeit der zum entsprechenden Wiedergabe-Verfahren passenden Brille für den Zuschauer ist ebenfalls ein andauerndes Spaß-Hemmnis am 3d-Film. Die vermeintliche Medien-Revolution blieb vorerst aus.
In der Folge, so Elsaesser, fanden vornehmlich nennenswerte künstlerische Auseinandersetzungen mit dem 3d-Sehen, dem Medium Stereoskopie und dem Film als Illusionsmaschine statt. So machte etwa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Ken Jacobs die ›3d-Technik‹ zu seinem philosophischen Spielzeug von zugleich historisch-kritischer Rückbezüglichkeit, mit Konzept-Filmen, die Abstraktion und Abbildung zugleich seien. In seinem jüngeren Werk »Capitalism Slavery« (2006) ›betreten‹ wir mit Jacobs eine antike Stereoskopie mit Baumwolle pflückenden Sklaven unter der Aufsicht eines berittenen Aufsehers: durch die isolierende Fotografie von deckungsgleichen Ausschnitten der beiden Steresokopie-Bilder und das Aneinander-Reihen derer zur Bildfolge entsteht der Eindruck von Tiefe und von Bewegung durch einen Raum, der eigentlich gar nicht da ist. Die Szene wird überaus lebendig und wir meinen inmitten der historischen Plantage zu stehen, gar uns um die Figuren zu bewegen – und das ohne Hilfsmittel wie der 3d-Brille.

Jacobs Film »Capitalism Slavery« zugrunde liegende Stereoskopie, vertrieben von Underwood & Underwood Publishers: Cotton is King—Plantation Scene, Georgia. Copyright 1895 by Strobmeyer & Wyman
Dritte Krise – zweiter ›Versuch‹
Seit neun Jahren nun ist das 20. Jahrhundert hinter uns – noch lange nicht aber der 3d-Film, ganz im Gegenteil: nach bekanntem Muster, ist Hollywood wieder fleißig am ›dreidimensionalisieren‹, im Angesicht von Absatz schmälernden Raubkopien und dem Internet als neuem Medien-Konkurrenten. Ob »Beowulf« (2007), »Monsters vs. Aliens« (2009) oder »U2-3d« (2007) – 3d ist auf dem Vormarsch, in allen Sparten, und spätestens mit »Up« (2009) gar, so kann man sagen, salonfähig geworden. »Up« war der erste 3d-Animationsfilm, der das Cannes Filmfest eröffnen durfte.
Wie aber steht es um den farbanaglyphen 3d-Film? Bleibt er nicht mehr als ein Schritt in der technischen Evolution zum fortwährenden 3d-Sehen? Steven Spielberg sei an der Entwicklung und Finanzierung einer brillenlosen 3d-Technik beteiligt, die unabhängig vom Wiedergabe-Verfahren funktioniere. Gerade heute, zu Zeiten der unterschiedlichsten Monitore, Flachbildschirme, Touchscreens, mobilen Displays und elektronischen Papiere, ist diese Aussicht von immenser Bedeutung. So erscheint es gar nicht unvorstellbar, dass 3d-Bilder zum neuen Standard werden und auch Elsaesser gesteht auf Nachfrage, dass er es für möglich hält, dass in absehbarer Zeit der ›konventionelle‹ Film zumindest nur als Nischenprodukt bestehen kann. Der These kommt entgegen, dass James Cameron, nach eigener Aussage, das Patent auf eine ›conversion technique‹ besitze, die jeden beliebigen ›konventionellen‹, also 2d-Film, in einen 3d-Film übersetze.
Hinzu käme heute, dass die ehemals viel stärker getrennten Industrien mehr und mehr die gleichen Technologien nutzten und sich vermehrt auch die entsprechenden Entwicklungskosten teilten. (Film / Design / Kunst / Militär / Architektur & Landschaftsplanung / Wissenschaft usw.) Im Kleineren (Hollywood & Militär) ist dieser Aspekt schon länger als so genannter ›military entertainment complex‹ bekannt. Entwickler können sich zurecht der vielfältigen Nutzbarkeit ihrer Produkte rühmen. Und so findet auch die Dreidimensionalität von Bildern mehrere Abnehmer. Überwachungs- und Aufklärungssysteme; Orientierungs- und Notfallpläne; Stadtplanung; Spiele- und Filmdesign usw. Wir als Zuschauer gehören also, wenn es nach ›denen‹ geht, auch dazu. Aber wollen wir das wirklich? Laut einer Umfrage der HFF sähe die Mehrheit der 14–60-jährigen 3d als Mehrwert für beispielsweise Dokumentationen, Actionfilme und das Science-Fiction-Genre.
Brauchen tun wir 3d hingegen keineswegs, es genügt ja, wie erwähnt, ein zentralperspektivisch gestaltetes Bild, um uns eine Raumwirkung zu suggerieren. Aber, so erklärt Elsaesser, die Maschinen bräuchten dieses Tool sehr wohl, wie auch die obigen Beispiele zeigen. Räumliche Abbildungen ließen sich von rechengesteuerten Systemen weitaus besser und einfacher dekodieren, haben sie drei und nicht nur zwei Dimensionen.
Das legt zumindest auch einen beruhigenden Gedanken nahe: Die Maschinen lassen sich (noch) nicht so leicht in die Irre führen, wie es dem menschlichen Auge tagtäglich passiert, dass vermehrt verwirrende Informationen an unser Gehirn sendet, das diese dann zu Trugbildern ›korrigiert‹. So gesehen sind zumindest die Maschinen noch in der Lage, die Bilder als Bilder zu sehen, wenn man in dem Fall einmal von ›Sehen‹ sprechen will.
3d also als Optik der totalen Kontrolle?
Die heutige Informationsgesellschaft, so schloss Elsaesser ab, sei vor allem eine visuelle und dadurch eben auch eine Kontrollgesellschaft. Bilder suggerieren uns stets eine beweisgebende Evidenz, der man sich nur schwerlich zu entziehen vermag. Bilder in 3d vermögen nun, einen totalen Blick auf uns und die Welt zu gewährleisten. In der Folge wird es noch schwerer fallen als heute schon, die Bilder zu sehen, als das was sie (nur) sind – Bilder eben; und Elsaesser spricht auch mit Harun Farocki, dem ›Phänomenologen der Bilder‹, wenn er sagt, dass das (3d-)Bild für uns zunehmend zur neuen Realität werden wird: zwischen uns und der Welt. So ließe sich auch ohne weiteres Farockis Ausspruch folgen, wir würden ›neu formatiert‹ …

»Wall-E« (2008)
Ganz so, wie es auch den Humanoiden im wundervollen »Wall-E« (2008) längst ergangen ist. In dieser herzerwärmenden 3d-Animations-Dystopie muss sich die Menschheit von einem Roboter retten lassen, der vielleicht nicht menschlicher ist als sie, aber zumindest, so zeigt sich: einen naiveren Blick auf uns und die Welt hat, als wir ihn wohl je wieder haben können …
Karsten Rohrbeck
Links
Digitale Lektionen
http://www.freyermuth.com/Projekte/Digitale_Lektionen/DL.html
Filmforum NRW
http://www.filmforumnrw.de/
ifs, internationale filmschule Köln
http://www.filmschule.de/Seiten/home.aspx
Thomas Elsaesser
http://home.hum.uva.nl/oz/elsaesser/
Gundolf S. Freyermuth (ifs)
http://www.freyermuth.com/
Ken Jacobs
http://www.eai.org/eai/artistTitles.htm?id=6877 &
http://www.starspangledtodeath.com/
Harun Farocki
http://www.farocki-film.de/
Filmbesprechungen allgemein
http://www.schnitt.de/
http://film-dienst.kim-info.de/
http://www.filmzentrale.com/
http://www.filmwirkungsanalyse.de/
Bildnachweis
oben: Still aus dem Trailer zu »The Final Destination«
http://www.apple.com/trailers/newline/thefinaldestination/
mitte oben: Doppelposter zu den 3d-Filmen »Creature from the Black Lagoon« (1954) und
»It came from Outer Space« (1953)
http://www.ioffer.com/i/39697751
mitte unten: »Capitalism Slavery« (2006) zugrunde liegende Stereoskopie, vertrieben von Underwood & Underwood Publishers: Cotton is King—Plantation Scene, Georgia. Copyright 1895 by Strobmeyer & Wyman
http://www.kurzfilmtage.de/fileadmin/Kurzfilmtage/Kurzfilmtage_2007/IW/S_CAPITALISM_SLAVERY.jpg
unten: Still aus »Wall-E« (2008)
http://adisney.go.com/disneyvideos/animatedfilms/wall-e/



(14 Votes, Durchschnitt: 4,07 von 5)
(5 Votes, Durchschnitt: 4,60 von 5)






Überaus interessant der Blogg
RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel. / TrackBack URI