„Eine Geschichte von Ordnung und Unordnung“
von Tobias Battenberg aus dem Kurs „Norm“.
„Ihr eigentlicher Inhalt ist die bloße Zahl, eine eindeutige Nummer. Diese Information dient uns zur Orientierung. Wir finden uns prima mit ihr im Alltag zurecht, vorausgesetzt jedes Haus hat ein solches Orientierungsschild auf seiner Fassade. Formal betrachtet, offenbart die Hausnummer sich weitaus vielschichtiger. In unserem Land der 1000 Normen gibt es keinen Standard, was die Beschaffenheit einer Hausnummer anbelangt. Alles scheint irgendwie möglich.“









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Die Hausnummer hat eine bisher wenig ausgeleuchtete Geschichte. Hausnummern gibt es seit dem 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung und des Hinterfragens von Autoritäten, der Rationalisierung und der Bürokratisierung. Staaten begannen sich einen allumfassenden Zugriff auf die Bürger zu verschaffen. Michel Foucault sah in diesem Bestreben die Disziplinierung der Gesellschaft, was er in seinem Buch „Überwachen und Strafen“ am Beispiel der Karteikarten zu beschreiben versuchte. Der Historiker Anton Tantner fand durch seine Geschichtsforschungen zum Umgang mit Nummerierungen von Häusern heraus, dass der Staat die Häuser nicht zur Erleichterung der Orientierung mit einer Nummer versah, sondern vorrangig politische Überlegungen damit verfolgte. Hausnummern sollten die Erfassung von Steuerpflichtigen effizienter machen, im Fall von Truppenbewegungen die Militäreinquartierung vereinfachen oder – wie im Fall der Einführung der Hausnummern in der Habsburgermonarchie 1770 – die Rekrutierung erleichtern. Das Volk reagierte, wenig überraschend, mit Widerstand und versuchte stellenweise sogar die gemalten Nummern wieder zu entfernen. Es entstand eine Debatte, wie wir sie auch heute bei Einführung von biometrischen Pässen usw. wieder haben.
Unter einer Hausnummer ist jedes Haus gleich. Diese demokratische Tatsache führte damals bei den Adeligen zu Widerstand, da sie sich nicht mit dem „Pöbel“ in einer „Zahlenreihe“ befinden wollten. In Prag wurden die Hausnummern von sogenanntenvon Juden in ihren sogenannten „Judenhäusern“ nicht – wie alle anderen Häuser – mit arabischen, sondern mit römischen Zahlenzeichen versehen. Somit wurden zu dieser Zeit die Hausnummern sogar als Diskriminierungsmaßnahme eingesetzt und missbraucht.
Wie bei vielen anderen Dingen, die der Staat versuchte durchzusetzen, gewöhnte sich das Volk allmählich auch an die Nummerierung der Häuser und der Widerstand dagegen flaute ab. Die Bevölkerung entdeckte, dass die Ordnungszeichen auch Vorteile bieten und so hat sich die Hausnummerierung bis heute ins 21. Jahrhundert in den meisten Straßen dieser Erde etabliert. Die Hausbesitzer setzen ihre entsprechenden Zahlen selbst auf ihre Fassaden, nicht mehr eine gesandte Kommission des Staates.
Dass die Menschen ihre Zahlen selbst an ihren Häusern befestigen, war der Anstoß zu meiner Arbeit.
Denken wir an Hausnummern, fällt uns eine Zahl ein und vielleicht ein oder zwei „Standardschilder“: das typische blauweiße Emailleschild mit den serifenbetonten Zahlen oder vielleicht eine moderne, hintergrundbeleuchtete Zahl. Doch weit gefehlt.
























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